Film
ÜBER DEN FILM

DER REGISSEUR ÜBER SEINEN FILM
Ich wollte schon lange eine „filmische Metapher“ über die Katastrophe von Tschernobyl drehen. Keinen Dokumentarfilm, keinen Blockbuster, keinen Film darüber, wer wann den falschen Knopf gedrückt hat. Mich hat vielmehr die Frage interessiert, warum Menschen, die von diesem Unglück wussten, nicht aus der Stadt geflüchtet sind. Vielleicht, weil diese Gefahr unsichtbar ist? Menschen, die ihr tägliches Einerlei unbeirrt und ohne zu hinterfragen leben und damit zufrieden sind, für die sind es die vielen kleinen Freuden des Alltags, die in solchen Momenten umso wertvoller werden. Wenn das Leben unrettbar verloren ist und sich dem Ende zuneigt, erblüht es zum Abschied noch ein letztes Mal.Genau so ist es in dem Film. Ein kleiner, unwichtiger Parteiausbilder erfährt durch Zufall, was in der Nacht passiert ist. Von der Angst angetrieben, greift er sich die Frau, die ihm das meiste auf der Weltbedeutet, und versucht mit ihr zu fliehen. Aber der Absatz ihres Schuhs bricht, bevor beide den Zug erreichen können. Und sie will natürlich sofort neue Schuhe haben. Also gut, aber nur die Schuhe und dann fliehen, so schnell es geht. Mit dem Auto, zu Fuß, egal wie, Hauptsache fliehen. OK, und jetzt nur noch ihren Pass bei den Musikern holen, der für eine Gitarre hinterlegt wurde. So trifft Valerij auf seine früheren Freunde, mit denen er viele Jahre in einer Band als Drummer gespielt hat. Da gibt es viel zu klären zwischen den alten Kumpels… Wer hat wen verraten, wer hat wen gerettet? Da ist Eifersucht – und Alkohol, den man kaum bekommen hat in diesen Jahren. Und so sitzt er am Ende buchstäblich mit ihnen allen in einem Boot auf dieser Reise ins Zentrum der Katastrophe, der er doch entkommen wollte. Als Anton Shagin das Drehbuch gelesen hatte, sagte er zu mir: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es schaffe,mich in die Zeit von damals hineinzuversetzen. Da muss ich in mir besondere Knöpfe finden und drücken.“ Diese Aussage hat mich motiviert. Anton ist ein großer russischer Schauspieler – ich weiß niemanden, mit dem ich ihn vergleichen könnte. Ich habe schon lange keinen Menschen mehr getroffen,der so talentiert ist. Valerij Kabysh, den Anton im Film spielt, kann das Leben nicht aufhalten, das Leben ist stärker als der Tod. Deswegen ist es eine lebensbejahende Geschichte, trotz der tragischen Umstände.

OLEG MUTU - ZUM VISUELLEN KONZEPT VON „AN EINEM SAMSTAG“ DAS ATOM IST EIN MENSCH, DER MENSCH IST EIN ATOM.
Ich habe diese Inschrift einmal in einer der sowjetischen Städte, die in der Nähe eines Kernkraftwerks liegen, gesehen, entweder in Energograd oder in Yuzhnoukrainsk. Diese Maxime erschien mir wie ein einseitiges Band, wie eine Möbiusschleife. Seine Bedeutung wird durch eine geometrische Figur visualisiert. Ähnlich wie eine Möbiusschleife ist auch das Drehbuch von Alexander Mindadze so angelegt, dass die Beziehung zwischen Mensch und Atom zum Vorschein kommt.Um meinen Ansatz, eine visuelle Darstellung dieser Struktur auf die Leinwand zu bringen, zu beschreiben, greife ich auf die beiden Begriffe „Sprache“ und „Geometrie“ zurück. KAMERAFÜHRUNG: Der Film besteht hauptsächlich aus Totalen und Handkamera. Wichtig ist mir dabei vor allem die Bewegung der Kamera von Raum zu Raum.
Zum Beispiel:
In der Stadt: Schuhgeschäft – Straße – Restaurant.
Schuhgeschäft –LKW –Straße –Schuhgeschäft.
Unterkunft: Foyer –Duschen –Foyer –Zimmer.
Kernkraftwerk: Reaktorhülle –Gang –Kommandozentrale –Gang – Reaktorhülle.
Restaurant: Saal –Küche –Lager –Küche –Saal.
Ich arbeite hauptsächlich mit kleinen Brennweiten (20mm, 24mm, 28mm, 32mm), um den Handlungsraum klar zu definieren. Extreme Kameraperspektiven vermeide ich, orientiere mich an vertikalen oderhorizontalen Linien im Raum und erreiche auf diese Weise eine neutral-beobachtende Haltung der Kamera zu allem, was davor geschieht: Ich stelle die Akteure in den Vordergrund und gebe damit den Zuschauern die Möglichkeit, ihrem Spiel und der Entwicklung der Handlung zu folgen. Extreme Kameraeinstellungen werden nur in extremen Situationen verwendet, wie beispielsweise beim Kampf vor dem Reaktor. In solchen Momenten verwende ich große Brennweiten (50mm, 65mm 85mm, 100mm).

LICHTGESTALTUNG:
Die vorhandenen Lichtquellen vor Ort wie Leuchter, Tischlampen, Straßenbeleuchtung oder Neonröhren (z.B. in den Gängen der Kommandozentrale) werden verstärkt, wobei Beleuchtungsakzente dem vorhandenen Lichteinfall folgen. Auf diese Weise wird ein weiträumiger, karger Raum geschaffen, der die Authentizität der Szenerie nicht beeinträchtigt.

FARBGEBUNG:
Durch die Kamerabewegung von einem Raum zum nächsten wird eine wechselnde Farbgebung erreicht, die sich je nach natürlichen oder künstlichen Lichtquellen im Kontrast verändert.
Zum Beispiel:
Ort:

  • Schuhgeschäft [kalt, Neonlicht]
  • Straße [warm, Sonne]
  • Restauranteingang [warm, Sonne]
  • Schuhgeschäft [kalt, Neonlicht]
  • LKW [warm, Sonne]
  • Straße [warm, Sonne]
  • Schuhgeschäft [kalt, Neonlicht]
Frauenwohnheim:
  • Foyer [kalt, Neonlicht]
  • Duschen [kalt, Neonlicht]
  • Foyer [kalt, Neonlicht]
  • Zimmer[warm, Sonne]
Kernkraftwerk:
  • Reaktorhülle [warm, Straßenlaterne]
  • Gänge in der Kommandozentrale [kalt, Neonlicht]
  • Besprechungsraum in der Kommandozentrale [warm]
  • Gänge [kalt,Neonlicht]
  • Reaktorhülle [warm, Straßenlaterne]
Restaurant:
  • Saal [warm, Leuchter]
  • Küche [kalt, Neonlicht]
  • Lager [kalt, Neonlicht]
  • Küche [kalt, Neonlicht]
  • Saal [warm, Leuchter]
Auf diese Weise wird das Möbiusband versinnbildlicht, die sprachliche Struktur von Alexander Mindadzes Drehbuch erhält eine visuelle Form und Bewegung, und wird so zum Leben erweckt.